Die Erstellung kreativer Dinge mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) erlebt gerade einen Boom und überschwemmt viele Plattformen geradezu mit mehr oder weniger sehenswerten oder hörenswerten Ergebnissen. Begann es zuerst nur mit Bildern, kamen später auch Videos und Musik dazu und es entstanden in der Umgebung der erstellten Dinge eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten aus dem Bedarf der Nutzer heraus. Mittlerweile sind der Fantasie der Ersteller kaum noch wirkliche Grenzen gesetzt und es gibt viele Bilder und Videos von Dingen, Wesen und Geschehnissen, die so nie stattgefunden haben oder nicht einmal in der Realität möglich wären. Allerdings kann man Dinge, die man nutzen kann, durchaus auch missbrauchen. Auch seitens handwerklicher Künstler wird Kritik daran laut, dass Kunst nun einmal mit Handwerk einher gehen muss, ansonsten wohl keine Kunst sei. Doch ist es tatsächlich so?

Beschäftigen wir uns erst einmal mit generativer KI selbst, also Anwendungen künstlicher Intelligenz, die darauf ausgelegt sind, nach vorgegebenen Eingaben (Prompts) digitale Ergebnisse zu generieren. Die reine Idee bleibt natürlich bei demjenigen, der den Prompt schreibt und damit quasi einen Code vorgibt, der das, was man sich in der Fantasie vorstellt, auch bildlich dargestellt wird. Um die Prozesse wirklich zu verstehen, sollte man sie auch nachvollziehen. Ganz so einfach, wie manche Menschen es sich wohl vorstellen, ist das nämlich nicht und die aktuell allein für Bilderstellung und Bildbearbeitung verfügbaren KI Generatoren und Modelle sind äusserst vielfältig. Mit einunddemselben Prompt bekommt man über verschiedene Generatoren und Modelle auch unterschiedliche Ergebnisse und selbst kleine Korrekturen in oft recht komplexen Prompts führen zu völlig anderen Darstellungen und Eindrücken im fertigen Objekt und auch diese lassen sich weiter verfeinern und abwandeln, wenn man über zusätzliche Modifikationen bestimmte Richtungen vorgibt.
Bei KI Modellen und Modifikationen bzw. weiteren Hilfsmitteln haben wir es also mit einer Form von Werkzeug zu tun, deren Auswahl deutlich vielfältiger ist, als Arten und Formen von Pinseln, Farben oder Leinwänden. Wie bei der Handhabung von Pinseln und Farben auf bestimmten Untergründen und Oberflächen, kommt es auch in der Nutzung von KI auf die Auswahl der Mittel an und vor allem auf deren Handhabung. Vor allem kommt es jedoch auf die Fantasie derjenigen an, die einen Prompt schreiben, in welche Richtung es geht und auf Erfahrung und Kenntnisse darin, wie man durch bestimmte Formulierungen und Reihenfolgen die Ergebnisse in die gewünschte Richtung steuert. Auch hier kann man durchaus von einer gewissen kunstfertigkeit sprechen, ohne die das Ergebnis völlig anders aussehen wird, als wenn man detailiert und gezielt an der Umsetzung der eigenen Vorstellung arbeitet. Ohne Kunstfertigkeit, also Talent, wird i. d. R. also deutlich weniger dabei herauskommen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist immer wieder, dass ein KI Modell sich an Dingen orientiert, die aus der klassischen Kunst entnommen und eingegeben wurden, also am Ende nur „billige“ Kopien echter Kunst herauskommen können. Doch auch hier ist der Punkt nur eine kleine Teilwahrheit, denn man darf hier nicht die Kombinationsmöglichkeiten vergessen, über die man aus bislang einzelnen Stilen über deren Kombination mit anderen völlig neue Interpretationen traditioneller Stile erschaffen kann. Am weitesten ist die KI hier bislang in der Bilderstellung und -bearbeitung, holt allerdings auch im Bereich der bewegten Bilder (Video) stark auf und hat auch bereits in der Musik Einzug gehalten. Vor allem lässt sich alles vorzüglich miteinander kombinieren. Man muss nicht viel suchen, um komplett unter Verwendung von KI Modellen erstellte Musikvideos oder Kurzgeschichten zu finden, die mitunter von realen Szenen kaum noch zu unterscheiden sind. Doch die Erstellung solch komplexer Videos inklusive Musik erfordert auch einiges an Kenntnissen und Erfahrung sowie ein gutes Verständnis für Zusammenhänge und Möglichkeiten und selbst dann steckt noch eine Menge persönlicher Arbeit und Feinarbeit darin.
Was genau ist eigentlich „Kunst“?
Per Definition aus dem Wörterbuch ist Kunst schöpferisches Gestalten aus verschiedenen Materialien mit Mitteln der Sprache und Töne in Auseinandersetzung mit der Natur und der Welt. Vieles kann Kunst sein, sei es Bilder, Musik, Literatur oder eine Kombination von Tönen und Sprache über Gesang, visualisiert in einem Theaterstück oder einem Musical oder in erzählten Geschichten. Was also Bilder, Töne und Sprache nutzt, sich mit der Natur und der Welt auseinandersetzt und Menschen berührt, ist in vielen Fällen Kunst, wenn jemand vorhandene Mittel dafür verwendet, etwas zu schaffen, das genau dies erreicht.
Missbrauch – Kreativität und Täuschung
Einer der wichtigsten Kritikpunkte ist der mögliche Missbrauch. Wie in vielen Dingen, ist auch in der Kunst Missbrauch möglich und auch in der Verwendung künstlicher Intelligenz. Man kann Dinge sichtbar machen, die nicht oder so nicht existieren, um Menschen zu beeinflussen oder zu betrügen. Sogar Propaganda ist genau genommen eine Form der Kunst, nur mit dem Ziel, bestimmte Ziele zu erreichen. Besonders aktuelle KI Anwendungen sind leider auch dafür verwendbar, Dinge, die nicht oder anders geschehen sind, so darzustellen, dass man damit Menschen manipulieren kann. Man kann realen Personen Dinge in den Mund legen, die diese nie gesagt haben und in Bildern Videos Dinge tun lassen, die nie geschehen sind. Doch das ist alles andere als wirklich neu, denn bereits Jahrtausende vor der ersten KI tat man all jenes ebenso, nur mit einfacheren Mitteln durch Intrigen, Gerüchte, verbreiten von Lügen. Solche Dinge begannen also nicht erst mit Erfindung der KI. Auch ist längst nicht jede Illustration, die mit Hilfe von KI entstanden ist, gleich ein „böswilliger Fake“, sondern nur eine Illustration, wie heute viele Medien und Blogger sie verwenden, wenn man einen Bericht illustrieren möchte, aber nicht vor Ort ist, um selbst Fotos zu machen oder keine teuren Pressefotos kaufen kann. Hier haben wir es auch mit der Art Nutzung generativer KI zu tun, die als rein „handwerkliche“ Anwendung nicht in den Bereich Kunst gehört, sondern einfach nur unter Vortäuschung falscher Tatsachen manipuliert oder Medien ohne Zugriff auf Originalfotos dennoch die Möglichkeit gibt, Beiträge zu illustrieren.
Als Fazit könnte man also durchaus feststellen, dass wirklich kreative Nutzung von KI zur Erstellung völlig neuer Werke (Bilder, Video, Musik) durchaus Kunst sein kann, wenn dadurch etwas geschaffen wurde, das eine gewisse „Schaffenstiefe“ erkennen lässt, also eine eigene geistige Leistung mit persönlicher Note und Aussage, die über die einfache „handwerkliche“ Produktion von Illustrationen hinaus geht. Diese Schaffenstiefe macht auch den Unterschied zwischen rein handwerklicher Produktion und Kunst. Kunst definiert sich also über eine möglichst grosse Schaffenstiefe und nicht über die reine Wahl des Werkzeugs, wie auch KI Modelle ein solches sind. KI-Modelle sind ein Werkzeug, das von der Fertigkeit des Nutzers lebt und kein „Knopf für Fertig-Kunst“.