Ursprünglich war ja die Europäische Union EU (als Nachfolger der EWG und EG) als „Alternative zu den Amerikanern“ gedacht und sollte neben den USA und dem von ihnen geführten Westen einen eigenen Pol in einer angedacht zunehmend multipolarer werdenden Welt werden. Doch indem sich die gesamte EU eher selbst in das von den USA dominierte „Imperium“ hineinziehen liess, hat man sich den eigenen Weg damit komplett selbst abgeschnitten. Einen der entscheidenden Fehler könnte man darin sehen, dass die bislang eher souveränen Staaten Europas immer mehr Souveränität dan die EU in Brüssel abgegeben haben, die für sich gesehen aber wieder keinen Staat im völkerrechtlichen Sinn bilden. Damit haben also weder die einzelnen Staaten genug Souveränität, um wie eigenständige Staaten handeln zu können, noch die EU genug Staatlichkeit, um die erhaltene scheinbare Souveränität entsprechend ausspielen zu können.
Da also weder die einzelnen Staaten noch die Union über den nötigen Umfang an Souveränität und Staatlichkeit verfügen, resultiert daraus eine faktische Handlungsunfähigkeit. Die Staaten können nicht souverän handeln, weil sie die Befugnisse an die Union abgegeben haben und die Union deshalb nicht, weil sie im völkerrechtlichen Sinn kein Staat ist. Entsprechend geringe Substanz haben hier auch Vereinbarungen, die Staaten bzw. die Union schliessen könnte. Vereinbaren die jeweiligen Staaten etwas, kann die Union es mit ihrem Vorrang unterbinden und vereinbart die Union etwas, können äussere Vertragspartner ggf. die Zuständigkeit anzweifeln. In beiden Fällen fehlt es also an umfassender Rechtssicherheit und es vergeht zudem sehr viel Zeit, bis man Dinge unter Dach und Fach bekommt, die am Ende womöglich gar nicht mehr aktuell sind.
Was die EU anbelangt, sieht sieht man sich nicht mehr als eigenen Pol, sondern sieht sich zwischen zwei anderen Polen verloren, unfähig, ein eigenes Gesicht zu wahren – oder unwillig, dies zu tun. Womöglich schwankt man sogar hin und her zwischen dem Wunsch, ein eigener Pol zu sein und der Treue zum „kollektiven“ Westen, der Schutz verspricht, doch kaum mehr gewährt. Man hat Eigenständigkeit verlernt durch jahrzehntelanges „Vasallentum“ und blockiert selbst alles, was daraus herausführen könnte in vorauseilendem Gehorsam oder der eigenen Ideologie geschuldet. Gleichzeitig folgt man weiterhin einerseits willig dem Hegemon USA, widerspricht diesem andererseits jedoch deutlich, ohne selbst eigenes Gesicht zeigen zu können. Entsprechend beginnt die Europäische Union, von innen heraus verschiedene Fraktionen zu bilden, die in mancher Beziehung höchst unterschiedliche Interessen verfolgen, sich gegenseitig und sogar selbst dabei allerdings zu behindern.
Gegen Uneinigkeit allerdings helfen keine Diskussionen wie unter aufgescheuchten Hühnern um den Fuchs herum, sondern nur Geschlossenheit, vom Hühnerhof zum Wolfsrudel zu mutieren und das eigene Territorium wie auch die eigenen Interessen selbst zu definieren und dann auch zu vertreten. Doch auch hier treten gleich mehrere Probleme auf, die anhand unterschiedlicher Interessen kaum einheitlich lösbar erscheinen. Einerseits braucht es in einem Rudel stets eine Führung und diese möchten gleich mehrere Bewerber gern übernehmen. Hier hätten wir für Westeuropa einerseits sowohl die Atommächte Frankreich als auch Grossbritannien, die derzeit hinsichtlich der Ukraine-Problematik zwar militärisch durchaus Stärke demonstrieren wollen, wirtschaftlich jedoch beide schwer angeschlagen sind. Im Süden hätten wir Italien, das sich vorsichtig mehr und mehr an Bedeutung verschafft und im Osten Polen mit aggressiv antirussischer Haltung sowie Ungarn mit betont pragmatischen Ambitionen. Im Zentrum aller Dinge steht einmal mehr Deutschland und sitzt quasi zwischen allen anderen Stühlen gefangen in eigener selbst verzapfter Ideologie, die man in nicht wirklich weiser Voraussicht zudem als „unumkehrbar“ gestaltet hat, so dass man dort kaum wieder heraus käme, selbst wenn man es denn wollte.
Sowohl Deutschland als auch Polen haben bereits den Anspruch angemeldet, die stärkste konventionelle Armee Europas aufbauen und den Kontinent entsprechend militärisch führen zu wollen. Rein rechnerisch wäre es allerdings eher die Ukraine, die derzeit trotz aller Personalprobleme und Verluste über eine zahlenmässig stärkere Armee verfügt, wenn man Russland als eurasisches Land nicht mit zählen würde. Frankreich und Grossbritannien mögen als einzige westeuropäische Atommächte zwar eine gewisse Schlagkraft zur Verfügung haben, jedoch nicht so sehr im konventionellen Bereich, wo schon die Wirtschaft enge Grenzen setzt. Wirtschaftlich hätte zwar Deutschland noch eine gewisse Bedeutung, jedoch nach bislang 2 Jahren in Folge einer Rezession und anhaltendem Abschwung scheint das Ende des Vorteils bereits absehbar. Ungarn ist kaum wirklich Militärmacht und auch wirtschaftlich nicht wirklich stark, hat allerdings durch anhaltend günstige Energie aus Russland gegen Westeuropa einen grossen Vorteil, der sich auch auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.
Wer also könnte bei anhaltendem deutschen Abwärtstrend die Führung in Europa wirklich übernehmen, die Länder der Union unter einen Hut bekommen, die Interessen zusammenbringen und ein tragfähiges wie nachhaltiges Konzept entwickeln, dem der Rest der Union gern zu folgen bereit werden könnte? Hat die Europäische Union überhaupt noch genügend Potential, ein wieder einheitlicher werdendes Konzept gemeinsam zu verfolgen? Könnte die EU womöglich vor einer Art Spaltung stehen bzw. in mehrere einzelne Gruppen zerfallen?
Die Verschiebung des früheren „Eisernen Vorhangs“ um weit über tausend Kilometer nach Osten an die Grenzen Russlands hat bisher leider weder Stabilität noch Frieden oder Wohlstand gebracht, wohl aber eine Flut neuer Fragen aufgeworfen. Gerade die relativ neuen Mitglieder der EU fanden mitunter nicht so sehr die versprochenen Vorteile, sondern viele neue Pflichten, Unterordnung bis hin zu Vorgehensweisen, die man durchaus mit einer Form der Kolonialisierung vergleichen könnte. Man versucht immerhin, von Westen aus Mentalität und Ideologie als vermeintlich „europäische Werte“ nach Osten zu exportieren, wo man auf in Jahrtausenden gewachsene eigene Werte und Mentalität zu Gunsten der „überlegenen“ westlichen „Werte“ verzichten und sich anpassen muss, zum Preis, jenen noch weiter östlich feindlich gegenüberstehen zu müssen. Ganz neu ist dies allerdings nicht, denn ein sehr ähnliches Konzept exportierten bereits die Römer vor über zweitausend Jahren nach Norden und nach Osten.
Ein auf ewig bestehendes Reich der einheitlichen Zivilisation hatten allerdings auch schon damals die Römer nicht errichten können. Nach den Römern schafften es auch neuere Reiche niemals wirklich dauerhaft und alle begingen den gleichen Fehler, sich selbst als vermeintliche Krone der Schöpfung zu idealisieren, wobei immer im Nachhinein als fehlerhaft bis gefährlich gesehene Versuche erkannt wurden und aus Heilsbringern und Fortschritt wurden jeweils wieder nur Täter und Gestrige. Bestand hatte immer nur eines, nämlich der Wandel und der Geist der eigenen ständigen Erneuerung, die man zulassen sollte, statt zu behindern, verhindern oder unter Strafandrohung zu stellen. Soll heissen, mit einer reformbereiten und gemeinsam wandlungsfähigen Führung hätte auch Europa wieder eine Chance und Reformen können und sollten mitunter auch darin bestehen können, bereits begangene Fehler einzusehen und zu korrigieren.
Europa hätte also womöglich durchaus Potential, wieder zu einem eigenständigen Pol in einer multipolaren Weltordnung zu werden, doch man muss aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sie überwinden und sich neu erfinden. Blockiert eine gestrige „Elite“ diesen Weg, wartet nur weiterer Abschwung und womöglich viele düstere Jahre für viele kommende Generationen. Hier kommt es allerdings vor allem auf Gemeinsamkeiten und Synergien zu anderen Polen an und keinesfalls auf Übervorteilung Anderer für ausschliesslich eigene Vorteile. Ist Europa dazu fähig? Lässt es das zu? Spielen vor allem die Völker dabei mit? Hier wird es wohl auf jeden Einzelnen ankommen, denn jeder Einzelne kann auch ein Teil einer erfolgreichen Mehrheit sein, wenn er sich einbringt oder zum Teil abgehängter Massen, wenn er sich verweigert.