Phänomen Lena Meyer-Landrut

Einiges ist schon bemerkenswert an dieser jungen Frau aus Hannover, die es sich offenbar zum Hobby gemacht hat, mit Dingen riesige Erfolge zu feiern, die andere besser nicht wagen sollten. So bereits in der allerersten USFO Show (USFO = Unser Star für Oslo), zu der die anderen Kandidaten möglichst gängige Songs mainstreamiger Stilrichtungen zum besten gaben, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Nicht so Lena Meyer-Landrut, die sich quasi in Alltagsklamotten auf die Bühne stellte und begann, ihren Song “my same” von Adele zu performen, den mit Sicherheit bis dahin kaum jemand kannte und der meilenweit weg vom Mainstream ein schon sehr frühes Aus der Kandidatin befürchten liess.

OK, sie hat was, bringt den Song gut rüber, bringt mehr schauspielerische Elemente mit herein, aber Gesang geht irgendwie anders. Mir hat’s gefallen – sehr sogar, aber wie reagiert ein mainstreamprogrammiertes Publikum auf eine Darbietung mit Sprechgesang und Bewegungen jenseits aller bekannten Tanzkonventionen? Zuerst einmal erstaunlich viel Applaus vom mainstreamgewohnten Saalpublikum und eine begeisterte Jury. Zu entscheiden hatten aber die vielen Anrufer von Zuhause, die mit Sicherheit zum grössten Teil gängigere Songs bevorzugen. Die Entscheidung musste brutal fallen, fünt von zehn Kanditaten konnten nur weiterkommen.

Die Chancen, dass sich ausgerechnet eine Schülerin und jüngste der Runde mit einem Song, den keine Sau kennt, den sogar die Band nicht kannte und ihr auszureden versuchte, den die Kandidatin hartnäckig verteidigte (“wenn nicht, dann scheide ich eben aus”) und der am wenigsten zu allen anderen Songs der Show passte, unter den fünf Weiterkmmenden wiederfindet, schienen gering. Ausgeschieden sind dann allerdings Kandidaten mit geläufigeren Songs. Noch mal Glück gehabt kleine Lena, aber geht das noch mal gut? Warum hält sie an dem Song so fest? Kann sie nur den?

Zugegeben, das Mädel hat was, aber den Geschmack der Masse trifft das doch nicht. Überraschenderweise gingen die Verkäufe und Downloads des Originalsongs “my same” von Adele nach der Show steil in die Höhe und Menschen interessierten sich plötzlich für eine Musikrichtung, mit der sie vorher nichts hätten anfangen können. Doch, das war schon ziemlich überraschend, aber gut. Um so mehr überraschend auch, weil Lena’s Stimme zwar nett klingt, aber nichts besonderes ist, nicht einmal ausgebildet. Dafür aber mit feinem Gespür für Ausdruck, Nuancen, stimmliche Effekte und Timing und der Fähigkeit, das auch umzusetzen.

Bis zum Viertelfinale dann in schon vertrauter Gewohnheit eine Lena, die mit ihrem Sprechgesang und Liedern, die kaum jemand kannte, Zuschauer und Zuhörer in ihre Songs mit hineinziehen konnte und immer weiter kam, aber auch Kandidaten mit ausgebildeter Stimme und eigentlich massentauglicherer Musik die Zuschauer weniger erreichen konnten. Dazu eine Jury, die mit mehr allgemeinen Tipps und mitunter leicht mahnenden Ratschlägen den Kandidaten das zu vermitteln suchte, was erfahrungsgemäss entscheidend für den Erfolg auf der Bühne sein sollte. Immer wieder Lob für gute Performance, Bewegung und Präsenz auf der Bühne, aber auch Hinweise, dass ruhige Songs gefährlich sein können, weil sich die Zuschauer flottere Beiträge besser verinnerlichen können. Einige Kandidaten mit ruhigen Beiträgen und wenig Bühnenpräsenz mussten sich auch schon verabschieden.

Nun das Halbfinale mit nur noch vier Kandidaten, alle mit tollen Stimmen, guter Bühnenpräsenz und viel Talent. Im Halbfinale müssen gleich zwei Kandidaten ausscheiden, einer sogar schon nach der ersten Runde, also gefährlich bei Patzern oder Fehlentscheidungen, falschen Songs oder schlechtem Tag. Wer schon öfter Castingshows verfolgt hat, weiss, dass Kandidaten hier grosse Fehler machen können, die schnelles Aus bedeuten. So zu ruhige Songs, zu wenig Bewegung, plötzliche Stiländerungen.

Was macht Lena im Halbfinale mit ihrem ersten Song?

Zuallererst einmal ein total ruhiger Song (Mr. Curiosity von Jason Mraz), vielleicht der ruhigste der gesamten Showstaffel (ist das nicht gefährlich?). Dann eine erstmals mit gepflegtem Mittelscheitel und in einem eleganten Kleidchen auftretende Lena, die sich ans Mikrofon stellt und sich über das ganze Lied so gut wie gar nicht bewegt. Nein, etwa in der Mitte des Songs hebt sie die rechte Hand und ballt sie zur Faust. Eine in einer parallel laufenden Castingshow wegen Unbeweglichkeit von der Jury gedisste Kandidatin war ein wild gestikulierender und hampelnder Derwisch gegen diese fast unbewegliche Lena, die auch noch eine weitere Überraschung präsentierte; sie sang richtig. Ja, über mehrere Oktaven mit hohen Tönen bis in den Kopfbereich und so eindringlich mit so viel Gefühl, dass auch Stefan Raab danach kaum etwas anderes einfiel, als zu sagen “mein Gott, Du kannst ja singen”. Wahnsinn, zum ersten mal richtig gesungen, und das im Halbfinale.

Phänomenal auch Lena’s Bühnenpräsenz bei Mr. Curiosity trotz nahezu Unbeweglichkeit. Was schon zuvor immer wieder aufgefallen war, bekam hier noch eine Krone aufgesetzt. Ich bin mir sicher, selbst wenn direkt hinter Lena grüne Mäuse mit rosa Elefanten jongliert hätten, wäre das kaum jemand aufgefallen. Lena´s Ausdruckskraft war schon vorher von einigen Jurymitgliedern bemerkt worden, aber die wahre Intensität nie so deutlich wie bei Mr. Curiosity, war man doch von Lena’s eigenwilligen Bewegungen und abwechslungsreicher Mimik abgelenkt. Anke Engelke war im Viertelfinale aufgefallen “Du singst zu den Menschen, gehst aber rückwärts”.

Hier löst sich auch Lena’s Geheimnis und wahres Talent auf; sie singt nicht einfach die Menschen an, sondern zieht sie mit hinein in die Geschichten, die sie erzählt – entführt sie für ein paar Minuten direkt in die Musik mit hinein. Mit diesem Talent braucht man weder eine bombastische Show noch eine ausgebildete und laute Stimme noch extravagantes Bühnenoutfit, eigentlich nicht einmal Musik. Als 18jährige Schülerin ohne Gesangsausbildung, ohne Noten lesen zu können, mit in der Schule abgewähltem Fach Musik ganz nebenbei zur Abi-Vorbereitung mal eben eine Castingshow gewinnen und eine eher nischenorientierte Musikrichtung quasi über Nacht massentauglich zu machen, soll ert einmal jemand nachmachen. Wie um diese Messlatte noch um einiges höher zu legen, folgten bekanntlich noch ganz andere Rekorde.

Ganz Deutschland freut sich auf den European Song Contest und gleichgültig, wie der European Song Contest in Oslo ausgehen mag, Lena wird mit Sicherheit viele Millionen Menschen verzaubern und Deutschland würdig vertreten.

© 11.05.2010 by Norbert Warnke

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